Die Beweislage im Detail

Was der Rettungsdienst wirklich liest

David Bensoussan Diensteanbieter und redaktionell verantwortlich
Die SOS-Karte wird von einem Hamburger Ein-Mann-Betrieb betrieben.
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„Die Notfalldaten hat man doch am Handy.“ Diesen Satz hört jeder, der eine gedruckte Karte empfiehlt. Er ist nicht falsch — aber er beantwortet die falsche Frage. Die Frage ist nicht, was sich speichern lässt. Die Frage ist, was im ersten Einsatzmoment tatsächlich gelesen wird.

Darauf gibt es Antworten — von Rettungskräften selbst, in Umfragen und in Foren wie r/Rettungsdienst. Und es gibt ein Quellenprinzip, das dagegen spricht: Deutsche Kommunen verteilen seit über einem Jahrzehnt gedruckte Notfallausweise, nicht Apps. Diese Seite sammelt die Stimmen. Jedes Zitat ist wörtlich und verlinkt auf die Originalquelle.

Die erste Minute
100 %

der befragten Rettungskräfte griffen im Einsatz nie auf digitale oder USB-Notfall-IDs zu — keine App, kein Sperrbildschirm-Profil, kein USB-Stick. Befragt wurden über 100 EMTs und Paramedics in den USA.

Lauren's Hope First Responder Survey · 100+ EMTs & Paramedics · 2020 ↗

Was Rettungskräfte selbst schreiben

r/Rettungsdienst ist das deutschsprachige Forum des Fachpersonals — Notfallsanitäter, Rettungsassistenten und Notärzte. Wenn dort gefragt wird, wo Notfalldaten im Einsatz eigentlich landen, antworten die Leute, die es täglich erleben. Vier Zitate aus vier Threads:

„Eventuell (und vielleicht zusätzlich) pack [einen] sofort sichtbar und auffallenden Zettel ins Portemonnaie, nahe der Krankenversicherungskarte. Vielleicht laminiert ins gleiche Fach wie die Karte, damit der mit rauskommt, wenn man die Krankenversichertenkarte rauszieht.“
Der Mechanismus, den hier ein Angehöriger des Rettungsdienstes beschreibt: Die Versichertenkarte wird gezogen — und was neben ihr liegt, kommt mit. Die SOS-Karte liegt genau in diesem Fach.
r/Rettungsdienst · Thread „Notfallausweis als Biker“ ↗
„Was ich persönlich ganz gerne mache ist zu dokumentieren was der Pat bei sich hat, wie z.B. Geldbörse, Tasche, Krankenkassenkarte …“
Was jemand bei sich trägt, wird im Einsatz aufgenommen und ist Teil der Information, mit der die Klinik weiterarbeitet. Eine Karte im Portemonnaie wird mitgelesen — nicht gesucht.
r/Rettungsdienst · Thread „Dokumentation“ ↗
„Portemonnaie durchsuchen etc. wären ebenfalls Dinge, wo ich sagen würde, das machen die allerwenigsten Kollegen, zumal in der von dir genannten Situation auch jede Sekunde zählt und man sich in der Regel keinen Vorteil erhofft, wenn man da reinguckt - also wird's auch sein gelassen.“
Ebenso ehrlich: Aktives Suchen ist im Einsatz selten. Gedruckte Daten wirken, weil sie sichtbar dort liegen, wo ohnehin hingeschaut wird — nicht weil jemand danach wühlt.
r/Rettungsdienst · Thread „Suche nach Notfalldaten und Notfallkontakten“ ↗
„Wenn jemand bewusstlos ist, dann ist das einzige wozu der Ersthelfer ein Handy braucht um den Euronotruf 112 zu wählen ;) Auch für den Rettungsdienst sind die Notfallkontakte erstmal zweitrangig, ein Verständigen der Angehörigen findet erst durch das Krankenhaus statt.“
Das Handy dient in der ersten Minute als Notrufgerät. Notfalldaten vom Bildschirm zu lesen kommt später — wenn überhaupt — und ausgerechnet die Klinik, nicht der Einsatz.
r/de · Thread „Notfallkontakt Handy: Notfallinformationen auf dem Sperrbildschirm anzeigen“ ↗

Was deutsche Kommunen seit Jahren verteilen

Kommunale Seniorenvertretungen und Kliniken haben die Frage „Womit erreicht man den Rettungsdienst?“ bereits beantwortet — mit gedruckten Karten, im Kreditkartenformat, verteilt in Rathäusern und Krankenhäusern.

„Die Karte passt problemlos ins Portemonnaie und ist jederzeit griffbereit.“
Bernhard Bartscher, Seniorenbeirat der Stadt Lippstadt. Die Notfallkarte der Stadt Lippstadt wird gemeinsam mit dem Christlichen Klinikum herausgegeben, ist seit 2012 im Einsatz und wurde für die Neuauflage 2025 (20.000 Exemplare) inhaltlich gemeinsam mit Notfallmedizinern überarbeitet. Der Rat der Stadt zur Platzierung: eine Karte bei sich tragen — und eine zweite innen direkt neben der Wohnungstür in Augenhöhe anbringen, damit Retter im Notfall schnellen Zugang zu den Daten haben.
Stadt Lippstadt · Notfallkarte ↗ Presseinformation, 5. November 2025 ↗
„Eine Ausfertigung sollte man immer bei sich tragen, eine zweite direkt neben der Wohnungstür in Augenhöhe oder am Telefon anbringen. So haben die Rettungsdienste im Notfall schnellen Zugang zu den Daten, die sie für eine Akutbehandlung benötigen.“
Kommunales Integrationszentrum, Kreis Lippe — über seine Notfallkarte für Senior:innen und Patient:innen.
Kreis Lippe · Notfallkarte ↗

Und das Handy?

Der Notfallpass im Smartphone ist kein schlechter Ort — nur der falsche für die erste Minute. Er braucht Akku, Sperrbildschirm-Zugang und jemanden, der nach ihm sucht. Genau das beschreiben die Zitate oben: In der ersten Minute dient das Handy als Notrufgerät, und digitale Notfall-IDs werden laut Umfrage im Einsatz nie geöffnet.

Die Diskussion darüber läuft im Rettungsdienst selbst — dieser r/Rettungsdienst-Thread ↗ fragt den Handy-Notfallpass direkt aus. Den direkten Vergleich der beiden gibt es auf „Notfallausweis: Handy oder Karte?“ →

Was daraus für die SOS-Karte folgt

Die SOS-Karte ist die Schlussfolgerung aus diesen Quellen: Ihre kritischen Daten — Allergien, Erkrankungen, Medikation, Notfallkontakt — gedruckt auf eine Karte im Format einer EC-Karte, im Portemonnaie neben der Versichertenkarte. Ohne Akku, ohne PIN, ohne Scan. Ein Mensch liest sie in einer Sekunde.

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Zu den Quellen

Alle Zitate auf dieser Seite stehen wörtlich in den verlinkten Quellen und geben die Sicht der jeweils Verfassenden wieder. Forenbeiträge sind individuelle Erfahrungen — keine Studie, keine offizielle Aussage eines Arbeitgebers.

Medizinische Empfehlungen geben wir nicht. Diese Seite beschreibt, was gedruckt wird und warum — keine Anleitung, was bei bestimmten Erkrankungen zu tun ist. Fachliche Fragen gehören in ärztliche Behandlung.